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Hobbys

Albert Camus

Portrait Alberts Camus
Ein verwirrter Geist. Kuddelmuddel.
Was für ein Kuddelmuddel, was für ein Kuddelmuddel! Ich muss Ordnung in meinen Kopf bringen. Seit sie mir die Zunge abgeschnitten haben, läuft eine andere Zunge, was weiß ich, unaufhörlich in meinem Schädel, etwas redet oder vielleicht jemand, der dann plötzlich verstummt, und nachher fängt alles wieder von vorne an, oh, ich höre zu viele Dinge, die ich jedoch nicht weitersage, was für ein Kuddelmuddel, und wenn ich den Mund öffne, tönt es wie rollende Kiesel. Ordnung, eine Ordnung, sagt die Zunge, und zugleich spricht sie von anderen Dingen, ja, nach Ordnung hat mich immer verlangt. Der Abtrünnige oder Ein verwirrter Geist
Ein ernstes philosophisches Problem.
Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der Philosophie zu antworten. Alles andere – ob die Welt drei Dimensionen und der Geist neun oder zwölf Kategorien hat – kommt später. Das sind Spielereien; erst muss man antworten. Und wenn es wahr ist, dass – wie Nietzsche es verlangt – der Philosoph, um Achtung zu genießen, ein Beispiel geben muss, dann begreift man die Wichtigkeit dieser Antwort, da sie der endgültigen Tat vorausgehen wird. Der Mythos des Sisyphos
Ausgehöhlt werden. Wurm im Herzen des Menschen.
Hingegen sehe ich viele Leute sterben, weil sie das Leben nicht für lebenswert halten. Andere wieder lassen sich paradoxerweise für die Ideen oder Illusionen umbringen, die ihnen einen Grund zum Leben bedeuten (was man einen Grund zum Leben nennt, ist gleichzeitig ein ausgezeichneter Grund zum Sterben). [...] Man hat den Selbstmord immer nur als soziales Phänomen behandelt. Hier dagegen geht es zunächst einmal darum, nach der Beziehung zwischen individuellem Denken und Selbstmord zu fragen. Eine solche Tat bereitet sich in der Stille des Herzens vor, geradezu wie ein bedeutendes Werk. Der Mensch selbst weiß nichts davon. Eines Abends drückt er ab oder geht ins Wasser. Von einem Gebäudeverwalter, der sich umgebracht hatte, erzählte man mir, er habe vor fünf Jahren seine Tochter verloren und sich seitdem sehr verändert, die Geschichte habe ihn ausgehöhlt. Einen treffenderen Ausdruck kann man sich nicht wünschen. Wenn man zu denken anfängt, beginnt man ausgehöhlt zu werden. Die Gesellschaft spielt dabei am Anfang keine große Rolle. Der Wurm sitzt im Herzen des Menschen. Dort muss er auch gesucht werden. Diesem tödlichen Spiel, das von Klarheit gegenüber der Existenz zur Flucht aus dem Licht führt, muss man nachgehen und es verstehen. Der Mythos des Sisyphos
Lächerlicher Anfang. Sonderbarer Seelenzustand. »Fängt an« – das ist wichtig.
Alle großen Taten und alle großen Gedanken haben einen lächerlichen Anfang. Die bedeutenden Werke werden oft an einer Straßenbiegung oder im Eingang eines Restaurants geboren. So ist es auch mit der Absurdität. Mehr als irgendeine andere Welt verdankt die Welt des Absurden ihren Adel dieser niedrigen Herkunft. Antwortet ein Mensch auf die Frage, was er denke, in gewissen Situationen mit »nichts«, so kann das Verstellung sein. Verliebte wissen das genau. Ist diese Antwort jedoch aufrichtig, entspricht sie dem sonderbaren Seelenzustand, in dem die Leere beredt wird, die Kette alltäglicher Gesten zerrissen ist und das Herz vergeblich das Glied sucht, das sie wieder zusammenfügt – dann ist sie gleichsam das erste Anzeichen der Absurdität. Manchmal stürzen die Kulissen ein. Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag immer derselbe Rhythmus – das ist meist ein bequemer Weg. Eines Tages erhebt sich aber das »Warum«, und mit diesem Überdruss, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an. »Fängt an« – das ist wichtig. Der Überdruss steht am Ende der Handlungen eines mechanischen Lebens, gleichzeitig leitet er aber auch eine Bewusstseinsregung ein. Er weckt das Bewusstsein und fordert den nächsten Schritt heraus. Der nächste Schritt ist die unbewusste Rückkehr in die Kette oder das endgültige Erwachen. Schließlich führt dieses Erwachen mit der Zeit zur Entscheidung: Selbstmord oder Wiederherstellung. Der Mythos des Sisyphos
Die Angst, das ständige Klima des klar sehenden Menschen.
Heidegger betrachtet kalt die conditio humana und verkündet, dieses Dasein sei erniedrigt. Die einzige Realität in der ganzen Rangordnung der Geschöpfe sei die »Sorge«. Für den in der Welt und ihren Zerstreuungen verlorenen Menschen stellt diese Sorge sich als eine kurze und vorübergehende Furcht dar. Wird diese Furcht aber ihrer selbst bewusst, dann wird sie zur Angst, dem ständigen Klima des klar sehenden Menschen, »in dem das Dasein sich wieder findet«. Der Mythos des Sisyphos
Hellsichtigkeit, Verweigerung, Komödie.
Er [Kierkegaard] trachtet nicht danach, den Schmerz, den der Stachel in seinem Herzen verursacht, zu lindern. Im Gegenteil: er weckt ihn und entwickelt mit der verzweifelten Freude eines freiwillig Gekreuzigten Stück um Stück Hellsichtigkeit, Verweigerung, Komödie und eine Kategorie des Dämonischen. Dieses sanfte und gleichzeitig höhnisch lachende Gesicht, diese Kapriolen, denen ein Schrei aus tiefster Seele folgt, sind der absurde Geist selbst im Kampf mit einer Wirklichkeit, die stärker ist als er. Und auch das geistige Abenteuer, das Kierkegaard in seine geliebten Skandale verwickelt, beginnt im Chaos einer Erfahrung, die ihrer Kulissen beraubt und ihrer ursprünglichen Zusammenhangslosigkeit preisgegeben ist. Der Mythos des Sisyphos
Fliehen oder bleiben.
Wenn man unter diesem drückenden Himmel lebt, muss man entweder fliehen oder bleiben. Im ersten Fall handelt es sich darum zu wissen, wie man flieht, im zweiten, warum man bleibt. So definiere ich das Problem des Selbstmordes und das Interesse, das man den Schlussfolgerungen der Existenzphilosophie entgegenbringen kann. Der Mythos des Sisyphos
Dem Universum entrinnen, dessen Schöpfer man ist.
Es gibt den offenkundigen und anscheinend durchaus moralischen Tatbestand, dass ein Mensch immer Gefangener seiner Wahrheiten ist. Hat er sie einmal erkannt, so kann er sich von ihnen nicht frei machen. Nichts ist umsonst. Ein Mensch, dem das Absurde bewusst geworden ist, bleibt für immer daran gebunden. Ein Mensch, der keine Hoffnung hat und sich dessen bewusst ist, gehört nicht mehr der Zukunft. Das ist in der Ordnung. Aber es ist gleichermaßen in der Ordnung, dass er sich bemüht, dem Universum zu entrinnen, dessen Schöpfer er ist. Alles bisher Gesagte hat eben nur im Hinblick auf dieses Paradox einen Sinn. Der Mythos des Sisyphos
Abwenden.
Am Ende dieses schwierigen Weges erkennt der absurde Mensch seine wahren Gründe. Wenn er seinen tiefen Anspruch mit dem vergleicht, was ihm geboten wird, fühlt er plötzlich, dass er sich abwenden muss. Der Mythos des Sisyphos
Dumpfe Resonanz ist notwendig.
Folglich leite ich drei Schlussfolgerungen ab vom Absurden: meine Auflehnung, meine Freiheit und meine Leidenschaft. Durch das bloße Spiel des Bewusstseins verwandle ich eine Lebensregel, was eine Aufforderung zum Tode war – und lehne den Selbstmord ab. Ich kenne zweifellos die dumpfe Resonanz, die den Lauf der Tage begleitet. Aber ich sage mir das eine: sie ist notwendig. Der Mythos des Sisyphos
Zeit des Stillstands. Scharfsichtige Gleichgültigkeit.
Zuerst wissen diese Menschen, und dann geht ihr ganzes Bestreben dahin, die zukunftslose Insel, die sie angelaufen haben, zu durchmessen, zu vergrößern und zu bereichern. Aber zuerst muss man wissen. Denn die Entdeckung des Absurden fällt mit einer Zeit des Stillstands zusammen, in der sich die künftigen Leiden entwickeln und ihre Rechtfertigung erhalten. Selbst die Menschen ohne Evangelium haben ihren Ölberg. Und auch auf ihrem Ölberg dürfen sie nicht einschlafen. Für den absurden Menschen geht es nicht mehr um Erklärungen und Lösungen, sondern um Erfahrungen und Beschreibungen. Alles beginnt mit einer scharfsichtigen Gleichgültigkeit. Der Mythos des Sisyphos
Der Ingenieur Kirilow. Sich umbringen, um Gott zu werden.
Der Ingenieur Kirilow erklärt irgendwo, dass er sich das Leben nehmen will, weil »das seine Idee ist«. Wohlverstanden, das ist wörtlich zu nehmen. Um einer Idee, um eines Gedanken willen bereitet er sich auf den Tod vor. Das ist die höchste Form des Selbstmordes. Schrittweise wird in all den Szenen, in denen die Maske Kirilows allmählich gelüftet wird, der Todesgedanke, der ihn belebt, vor uns ausgebreitet. Tatsächlich nimmt der Ingenieur die Gedankengänge des Tagebuches auf. Er fühlt, dass Gott notwendig ist und existieren müsste. Aber er weiß, dass er nicht existiert und nicht existieren kann. »Warum verstehst Du nicht«, fragt er, »dass das ein hinlänglicher Grund ist, sich umzubringen?« Diese Haltung zieht bei ihm auch einige absurde Schlussfolgerungen nach sich. Er ist aus Gleichgültigkeit damit einverstanden, dass sein Selbstmord für eine Sache benutzt wird, die er verachtet. »Ich habe diese Nacht beschlossen, dass mir das egal ist.« Er bereitet seine Tat schließlich vor mit einem Gefühl, in dem sich Auflehnung und Freiheit mischen. »Ich werde mich umbringen, um meine Unabhängigkeit, meine neue und fruchtbare Freiheit zu bestätigen.« Es handelt sich nicht mehr um Rache, sondern um Auflehnung. Kirilow ist demnach eine absurde Figur – jedoch mit dem wesentlichen Vorbehalt, dass er sich umbringt. Doch er erklärt diesen Widerspruch, und zwar so, dass er gleichzeitig das absurde Geheimnis in seiner ganzen Reinheit enthüllt. Er fügt tatsächlich seiner tödlichen Logik einen ungewöhnlichen Ehrgeiz hinzu, der der Figur ihre ganze Perspektive gibt: er will sich umbringen, um Gott zu werden. Der Mythos des Sisyphos
Risiko auf sich nehmen. Was beweist das?
Sein Schlüsselwort ist: »Alles ist erlaubt«, und es hat eine Nuance schicklicher Trauer. Natürlich endet er [Iwan Karamasow] wie Nietzsche, der berühmteste Gottesmörder, im Wahnsinn. Aber dieses Risiko muss man auf sich nehmen, und angesichts des tragischen Endes ist die entscheidende Regung des absurden Geistes die Frage: »Was beweist das?« Der Mythos des Sisyphos
Negatives Denken. Dem Leeren seine Farben geben.
Der Kunst kann nicht besser gedient werden als durch negatives Denken. Dessen dunklen und demütigen Schritte sind für das Verständnis eines großen Kunstwerkes ebenso notwendig wie das Schwarz für das Weiß. »Für nichts« arbeiten und schaffen, in Ton formen, zu wissen, dass sein Werk keine Zukunft hat, sein Werk in einem Tag zerstört sehen und wissen, dass das im Grunde keine andere Bedeutung hat als das Bauen für Jahrhunderte – das ist die schwierigste Weisheit, zu der das absurde Denken die Gründe liefert. Diese beiden Aufgaben gleichzeitig nebeneinander durchzuführen, einerseits leugnen, andererseits steigern – das ist der Weg, der sich dem absurden Künstler öffnet. Er muss dem Leeren seine Farben geben. Der Mythos des Sisyphos
Der Kampf gegen Gipfel.
Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Der Mythos des Sisyphos